Markus Marschmann
Bäckerbua und Glaskünstler
Lieber Markus, für alte Jettenbacher ist “beim Marschmann” immer noch ein Begriff. Wer sind denn die Marschmanns? Und wie hat Deine Kindheit/Jugend in Jettenbach ausgesehen?
Meine Familie, das ist die ehemalige Bäckerfamilie im Jettenbacher Ortskern, ich bin 1992 geboren und habe dort meine ersten Jahre mit meinen zwei älteren Brüdern verbracht. Dann hat mein Vater ein Haus in Jettenbach-Bahnhof umgebaut; ich glaube, die Bäckerei hatte er schon früher aufgegeben, er hatte immer den Traum einer eigenen Landwirtschaft und den hat er sich ich dort verwirklicht. Wir hatten Schafe und Rinder, haben selbst Fleisch produziert. Mein Vater ist in die Bäckerei reingeboren worden, da hat ihn keiner gefragt, ober er Bäcker werden möchte oder nicht.
Und wie war das bei Dir?
Eigentlich hätte mein Vater den Plan gehabt, dass ich etwas Zukunftssicheres mache. Aber ich hab mich da anders orientiert. Aber von vorn: Ich war in der Grundschule Aschau, dann bis zur 7.Klasse auf der Montessori Schule in Eberharting, die 8.und 9. Klasse habe ich dann die Hauptschule in Waldkraiburg absolviert. Das mit der Montessorischule war die Idee meiner Mutter, und das war schon eine bereichernde Zeit, da waren Leute mit Vision und Energie, die sie reingesteckt haben, um die Kinder aufzuziehen, das ist halt unvergleichlich. Als ich dann später in der Regelschule war und den Kontrast gesehen habe, war schon klar, es ist sehr unterschiedlich. Aber ich hatte dann Freunde in Jettenbach und habe mir vielleicht gesellschaftlich einreden lassen, dass die Montessorischule eine “Baumschule” ist etc. Im Nachgang weiß ich natürlich, das ist totaler Quatsch. Ja, das war alles eine Erfahrung, auch sehen, wie man eingeordnet wird auf dem Dorf. Du bleibst halt der Bäckerbua.
Hat die Montessorischule denn Deinen Berufsweg und Deinen Hand zur Kunst gefördert und wie hat Dein Werdegang als Künstler begonnen?
Sicher war ich einerseits von meiner Mutter beeinflusst, die nach einem schweren Unfall angefangen hat, sich handwerklich und künstlerisch zu betätigen. Aber natürlich wurde auch in der Montessori-Schule ein Grundstein gelegt, da hat man jede Woche getöpfert oder mit Holz was gemacht, das war stark handwerklich geprägt. Da trainiert man halt auch sein muskuläres Gedächtnis sehr früh. Trotzdem: Nach der Schule wäre mein Weg eher in Richtung Mechatronik oder Industriemechaniker gegangen, dafür habe ich aber keinen Ausbildungsplatz bekommen, dann war ich in Waldkraiburg in der berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme Peters, da musste ich halt Praktika machen. In den “Gelben Seiten” im Telefonbuch bin ich dann über die Glasbläserei Stollwerk in Emmering gestolpert, da habe ich vier Tage Praktikum gemacht und die haben mich dann gleich genommen. Die machen viel für Laborbedarf. Für mich war das eine Faszination, mit der Flamme, und Glas ist ja eigentlich ein absurdes Material. Dort habe ich dann meine Lehre angefangen, habe sie allerdings dann bei der Glasfachschule in Zwiesel beendet.
Was lernt man denn als Glasbläser eigentlich?
Das ist Glasapparatebau, zum Beispiel Kühler, wo Spiralen drin sind, faszinierende Objekte eigentlich. Da baut man dann drei Jahre lang Apparaturen, das wird natürlich immer komplexer und dann ist man ausgebildeter Glasapparatebauer.Dieses Industrielle ist natürlich ein wichtiger Zweig. Ich hatte dann die Möglichkeit, eine Ausbildung als Kunstglasbläser zu machen, das hat sich dann vom Apparatebau weg in die gestalterische Richtung bewegt. Da bin ich auch durch die Bayerwald-Region infiziert worden, durch das Glasmachertum: Mit der Eisenpfeife das flüssige Glas aus dem Ofen holen, so, wie man das vielleicht von Murano kennt. Ja, und so habe ich dann noch eine Ausbildung gemacht, also insgesamt war ich dafür 5 Jahre in Zwiesel. Und dann bin ich hauptberuflicher Glasmacher geworden.
Dich hat es dann von Zwiesel aus noch weiter weggetrieben. Nach Koblenz, oder?
Ja, in die Nähe von Koblenz, nach Höhr- Grenzhausen. Aber der Weg dahin ging über die Sommerakademie beim Bild-Werk Frauenau, dort werden Künstler aus der ganzen Welt eingeladen, die dort Kurse halten. Da habe ich dann für zwei Jahre die Glashütte betreut, mich um den Ofen gekümmert und um die Brennerwerkstatt. So bin ich ziemlich in die Kunstszene eingetaucht, habe viele Praktiken von Künstlern gesehen und ein schönes Netzwerk bilden können. Danach habe ich mich selbstständig gemacht, habe ein paar Jahre freiberuflich als Glasmacher gearbeitet. Um über die Runden zu kommen, habe ich auch auf dem Bau gearbeitet und habe mir andere Handwerke angeschaut. So um 2019 wurde es mir dann wieder wichtig, mit meiner Arbeit weiterzumachen; da habe ich mich für ein Stipendium im Bild-Werk beworben; das ging über sechs Monate. Mit neun anderen jungen Glasschaffenden konnten wir ein Konzept, eine Idee ausarbeiten. Das war in der restriktivsten Coronazeit, 2020, da waren wir zu zehnt auch wirklich isoliert dort. Damals habe ich auch Leute kennengelernt, die schon in Höhr-Grenzhausen studiert hatten. Das hat mich bewegt, dass ich mich für ein Studium bewerbe, da habe ich richtig Freie Kunst studiert Es war großartig, dass da ein großer Glasofen steht, an dem man sich richtig ausprobieren kann. Glas ist halt ein sehr luxuriöser Werkstoff, sehr aufwändig. Und da habe ich die letzten 5 Jahre studiert. In Höhr- Grenzhausen sind wir an die Stadt herangetreten, ob sie denn Platz für uns Künstler zur Verfügung stellen würde, und jetzt konnte ich tatsächlich ein Studio, eine Werkstatt anmieten. Wir: Das sind Künstler, Keramiker, ein Fotograf gehört auch dazu. Und wir merken, dass jetzt ein politischer Wille da ist, so etwas zu unterstützen. Die Stadt ist seit letztem Jahr Deutschlands erste “UNESCO Creative City des Handwerk” - gemeinsam mit Städten wie etwa Florenz -, weil sie eben das Handwerk und die Kunst unterstützt.
Da hast Du aber ganz schön viele Ausbildungen und Studien hinter Dir. Klingt gar nicht nach dem Klischee vom Künstler, der nichts tut und in den Tag hineinlebt.
Künstler tun eigentlich meistens sehr viel, aber man misst das immer am Geld, das fließt. Da geht es halt oft um Selbstverwirklichung, es geht um andere Ziele, nicht darum, die Arbeit in Geld umzuwandeln. Die Arbeit ist komplett integriert in Deine Freizeit, jede freie Minute verwendest Du für Deine Ideen. Und das ist sehr vielschichtig. Einerseits beschäftige ich mich mit Materialforschung. Was hat das Material, das Glas zu bedeuten? Was hat es für eine Bedeutung für mich? Das ist ganz spannend. Das sieht man auch an meinen neueren Arbeiten. Ich reduziere mich jetzt auch wieder. Das muss nicht super technisch sein, das kann auch ganz klar der Rohstoff sein.
Was ist eigentlich ein Glaskünstler? Was fällt da alles drunter? Das geht ja vielleicht vom schönen Glaskrug bis zum Kirchenfenster und darüber hinaus? Und gehört denn zum Beispiel die Schmuckindustrie in Böhmen, dem früheren Gablonz auch dazu?
Ja, das hängt alles zusammen.Da bin ich auch öfters drüben in Tschechien, in Jablonec und Turnov. Da liegen die Schmuckszene und das Glas ganz nah beieinander, dort floriert das auch noch. Was ist Glaskunst? Natürlich zählt das darunter, aber wie man Kunst definiert, das ist ja ganz individuell. Das ist ja eine ganz absurde Sache, was man da gesellschaftlich betreibt um die Begrifflichkeit “Kunst”
Kannst Du uns denn ein Beispiel dafür geben, was Deine Themen sind, oder was Dich derzeit als Künstler besonders beschäftigt. Als Glashandwerker oder als Glaskünstler?
Da fällt mir eine Arbeit ein, in der ich mich mit dem Begriff Tradition auseinandergesetzt habe. Ich beschäftige mich derzeit auch mit meiner handwerklichen Geschichte in Zwiesel, weil sich die Glasmacher im Bayerischen Wald immer in wenig hinter der Tradition versteckt haben. Tradition, das ist natürlich ein Wissenspool und wir bedienen uns dran und bringen es in eine neue Ordnung. Ich finde,Tradition ist keine Definition, hinter der man sich verstecken kann, das muss jeder einmal für sich selbst neu definieren. Ich mache mir auch Gedanken darüber, wie ich eigentlich Heimat definiere. Natürlich sind in Jettenbach die Wurzeln, aber Heimat, das ist auch das Umfeld, das ich gestalte, das nehme ich mit. Wenn ich hier nach Jettenbach komme, dann merke ich: Auch das Dorf verändert sich ständig, es ist nicht mehr das Dorf von früher. Die Häuser stehen zwar noch am gleichen Platz, aber das Dorf entwickelt sich und das soll ja auch so sein. Was so einem Heimatkonstrukt immer schlecht tut, ist, wenn man Angst vor der Veränderung hat. Der Satz “Das muss alles so bleiben, wie ich es kenne” das ist Gift für sowas. Wenn man Stillstand fordert, das bedeutet ja auch Stillstand für das Gehirn, Du bildest keine neuen Synapsen mehr. Wachstum steckt in allem und wenn Du das Wachstum stoppst, zerstörst Du eigentlich die Heimat.
Jetzt frage ich Dich als Künstler: Wie kann man solche komplexen Fragen und Gedanken in Glasarbeiten umsetzen?
Das ist eine schwere Frage, weil es natürlich ein langer Prozess ist, aus einem Gedanken heraus eine Arbeit zu entwickeln. Aber vielleicht erläutere ich es an einem Beispiel mit einer ähnlichen Thematik: Ich habe einmal einen Entwurf für ein Kirchenfenster gemacht und dieser Gemeinde war immer wichtig, dass die Erinnerung nicht vergehen darf. Im Krieg war das Fenster zerstört worden, und ich habe dann gefragt: Was meint Ihr eigentlich mit Erinnerung? Erinnerung liegt ja eigentlich bei dem, der das alles selbst erlebt hat und der kann das als Emotion an die nächste Generation weitergeben. Aber dann stoppt die Emotion, und sobald das Gefühl für all diesen Schrecken nicht mehr da ist, ist alles wieder möglich. Du siehst, jede Arbeit und jeder Auftrag hat eine sehr viel größere Dimension auch für den Künstler selber, man kommt da auf ein weites Terrain. Auch dass ich immer wieder neu anfange mit Themen und mit Arbeiten, bedeutet: Ich arbeite jeden Monat in eine Ungewissheit rein. Auch finanziell natürlich.
Eine ganz praktische und profane Frage: Verkaufst Du auch Objekte? Man will oder muss ja auch von seiner Kunst leben können?
Ja, ich verkaufe auch,aber Künstler sein heißt: Entweder Du machst die Kunst für Dein Seelenheil und holst Dir das Geld über einen anderen Job, machst das so nebenbei. Wenn Du aber wirklich davon leben willst, ist es natürlich auch Marketing. Du machst aus Deinem Namen eine Marke. Ich hoffe, von meiner Kunst bald zu 100 Prozent leben zu können. Ich habe eine Produktreihe, die mich einigermaßen über Wasser hält, und das gibt mir wieder den Freiraum, Neues kreieren zu können. Aber das Wichtige ist, dass ich nicht einen Job, sondern einen Beruf, eine Berufung habe. Das ist nicht mit Geld aufzuwiegen. Natürlich muss ja von etwas leben, ich bin auch inzwischen Papa. Aber da ist das freie Leben wieder so ein großer Vorteil: Ich bin immer da für meinen Sohn, ich kann ihn überall hin mitnehmen, er darf überall dabei sein, er ist einfach mein Spezl, auch wenn er mir manchmal Werkzeug versteckt. Das ist Luxus! Noch dazu wächst er in zwei Kulturen und Sprachen auf. Meine Frau ist Japanerin und sie spricht auch japanisch mit ihm.
Was wünschst Du Dir denn für Jettenbach, für die Kunst - und allgemein für die Gesellschaft?
Also, ich wünsche mir, dass Begrifflichkeiten wie Tradition und Identität nicht missbraucht werden, so wie es jetzt gerade politisch zu spüren ist. Genauso geht es mir in der Kunst auch, dass diese Diskrepanz zwischen Handwerk und Kunst besteht. Ich muss das für mich definieren, dass Tradition für mich eine Rolle spielt, dass man sie aber vor dem Missbrauch schützen muss. Für Jettenbach wünsche ich mir, dass sich die Bürger und Bürgerinnen nicht von der Angst leiten lassen, dass sie die positiven Aspekte von Veränderungen erkennen.
Vielen Dank für das tiefgründige Gespräch, lieber Markus, das den Jettenbacher Bäckerbua und seine Entwicklung so gut beschrieben hat.